Samstag, 1. Mai 2010

Nutzenbewertung: Schon die Begrifflichkeit ist absurd!


Der niedergelassene Diabetologe Dr. med. Karsten Milek: „Nutzenbewertung: Schon die Begrifflichkeit ist absurd!“

Diabetes-Journal: Im aktuellen Beschlussvorschlag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) empfiehlt dieser, Harn- und Blutzuckerteststreifen von der Verordnung auszuschließen – und zwar bei jenen Diabetikern, die nicht mit Insulin behandelt werden. Die Diabetes-Experten von diabetesDE, DDG, VDBD und DDS sehen darin negative Konsequenzen für 4,7 Mio. Diabetiker in Deutschland. Wie sehen Sie das als Mensch, der im Alltag mit vielen Betroffenen zu tun hat?

Dr. Karsten Milek: Jeden Tag sitzen in meiner Praxis genau diese Patienten und zeigen ihre Tagebücher, diskutieren die Werte und beweisen eindrucksvoll, dass sie hier nicht nur eine Dokumentation betreiben, sondern durchaus aus den Blutzuckerwerten Verhaltensweisen für den Alltag entwickeln, die letztendlich sich auch auf die Stoffwechsellage auswirken. Es geht hier bei der Selbstkontrolle nicht nur um Insulindosisanpassung oder Hypoglykämie, sondern um mehr – jeder Patient mit Diabetes sollte dadurch besser und effektiver in seine eigene Diabetestherapie eingebunden werden können.

DJ: Der G-BA nutzt als Basis seines Beschlussvorschlages eine Nutzenbewertung des IQWiG (A 05/08). Die oben genannten Expertenverbände nennen diese Nutzenbewertung „unzureichend“. Es fallen Stichworte wie „methodisch falsch“, unzureichende Bewertung patientengerechter Qutcomes etc. Kann es sein, dass eine solche Nutzenbewertung die Diabetikerversorgung in Deutschland rigoros verändert?

Milek: Durchaus. Und die Folgen sind absehbar, wir werden wertvolle Zeit verlieren und später mehr Aufwand betreiben müssen in der Diabetestherapie – mit höheren Kosten! Durch die Verbände diabetesDE, DDG, VDBD und DDS steht in der Gesamtheit ein enormes Expertenwissen zur Verfügung – die geäußerte Kritik an der Nutzenbewertung des IQWiG ist aus meiner Sicht mehr als fundiert.

DJ: Die Verbände fordern in ihrer Stellungnahme, dass 50 Teststreifen pro Quartal Verordnungsfähig bleiben (Typ 2 ohne Insulin) – sowie Schulung zum richtigen Umgang mit der Selbstkontrolle. Unterstützen Sie eine solche Forderung?

Milek: Diese Forderung ist nur zu unterstreichen. In der Behandlung des Diabetes mellitus stellen neben der Ernährung, Bewegung und medikamentösen Therapie die Schulung und Selbstkontrolle eine eigene Therapiesäule dar. Das ist eigentlich als große Errungenschaft
zu werten – die Erfolge sind unstrittig.

DJ: Die Expertenverbände schreiben: „Es ist davon auszugehen, dass einkommensschwächere Personen bei Kosten für Endverbraucher von aktuell ca. 0,55 – 0,75 Euro pro  Blutzuckertestung den Erwerb von Blutzuckerteststreifen nicht selbst finanzieren können.“ Ist das auch Ihre Meinung?

Milek: Gerade die jetzige gesundheitspolitische Lage erfordert von chronisch Kranken zunehmend auch größere finanzielle Aufwendungen. Viele unserer Patienten haben bereits mehrfach zum Ausdruck gebracht, sich ganz sicher weiteren Belastungen nicht stellen zu können, sie werden sich schlichtweg die Teststreifen nicht leisten können.

DJ: Thema schnellwirkende Insulinanaloga bei Typ-1-Diabetes: Hier fordern die Experten, Kinder und Jugendliche sowie Insulinpumpenträger von dem Erstattungsausschluss auszuschließen. Wie ist Ihre Meinung hierzu?

Milek: Hier gibt es nur eine Antwort – natürlich muss unseren betroffenen Kindern und Jugendlichen der Zugang zu den kurzwirkenden Analoga ermöglicht werden. Schon die Begrifflichkeit „Nutzenbewertung“ im Zusammenhang mit Kindern ist aus meiner Sicht absurd. Hier darf es einfach keine Einschränkung des therapeutischen Angebotes geben. Das ist eine gesellschaftspolitische Frage.

DJ: Vom 19.4. datiert der IQWiG-Abschlussbericht zu den langwirksamen Insulinanaloga bei Typ-1-Diabetes. Fazit: „Keine Belege für Zusatznutzen im Vergleich zu Humaninsulin.“ Ist das auch Ihre persönliche Erfahrung als Arzt?

Milek: Zahlreiche meiner Patienten sind nunmehr verunsichert, befürchten eine Umstellung und brachten nochmals ihre positiven Erfahrungen mit den Analoga zum Ausdruck. Die eigenen Erfahrungen als Arzt können nur ein Kopfschütteln zu diesem Bericht hervorrufen. Es passt zur Arbeitsweise des IQWiG, dass in der Bewertung kein Zusatznutzen gesehen wird, obwohl es durchaus die deutlich bessere Studienlage hinsichtlich der langwirksamen Analoga bei nächtlichen Hypoglykämien anerkennen muss. Es wird hier besonders deutlich, welchen Auftrag offensichtlich das IQWiG hat.

DJ: In der Pressemitteilung zu dem genannten Abschlussbericht (19.4.) werden „zwar Unterschiede“ konstatiert (Lebensqualität und Therapiezufriedenheit) oder an anderer Stelle „weniger schwere Hypoglykämien“ registriert – dies dann aber abgetan mit methodischen Mängeln oder damit, dass das Humaninsulin nicht so eingesetzt worden sei, wie es in Deutschland für eine optimierte Behandlung üblich ist. Geht Ihnen da als Diabetes-Experte nicht der Hut hoch?


Milek: Wenn man nun schon in der Auswahl der berücksichtigten Studien nicht nachvollziehbare Maßstäbe anlegt und dann doch „Unterschiede“ konstatieren muss – dann wird eben das Ergebnis einfach in Frage gestellt. Außerdem stellen die Lebensqualität und Therapiezufriedenheit der Patienten beim IQWiG ganz sicher keine relevante Bewertungsgrundlage dar, so viel haben wir – sowohl die Betroffenen als auch die Behandler – doch schon gelernt. Und da geht einem ganz sicher nicht nur der Hut hoch!

(Die Fragen an Dr. Karsten Milek hat Günter Nuber gestellt.)

Interview erschienen im Diabetes-Journal am 01.05.2010