Sonntag, 1. Mai 2011

Zu viel Zucker im Blut

HOHENMÖLSEN/MZ. Tina Anacker trägt zwei Federmappen bei sich: eine mit Stiften und eine, in der Messgerät, Spritze, Traubenzucker und Insulin stecken. Die Neunjährige hat Diabetes vom Typ 1 und wird ihr Leben lang zuckerkrank bleiben. Am Samstag besucht sie den Diabetes-Tag, den ihr Arzt Karsten Milek zum 13. Mal organisiert hat. 
Sophie Lungwitz (l.) misst den Blutzucker von Tina Anacker.
Tina Anackers Leben wird von der Krankheit bestimmt: Wenn sie Lust auf ein Stück Kuchen hat, kann sie nicht einfach zulangen, sondern greift erst zur Federmappe, holt das Messgerät raus, pikst in ihren Finger und erfährt so ihren Blutzuckerwert. Ist der zu hoch, spritzt sie Insulin. Sie weiß genau, welchen Zuckergehalt der Kuchen hat und wann sie Sport treiben kann, ohne zu unterzuckern. Die Grundschülerin sagt: "Ich habe keine Angst, dass mal was passiert."

Verbreiteter als Typ 1 ist aber die Diabetes vom Typ 2. "Zwölf Prozent der Bevölkerung haben Diabetes dieses Typs", sagt Gesundheitswissenschaftlerin Susanne Milek. Betroffene haben nicht im ausreichenden Maße Insulin im Körper, um den Zucker, den sie aufnehmen, zu verarbeiten. So bleibt er im Blutkreislauf und steht den Zellen nicht in Form von Energie zur Verfügung. Was daran problematisch ist, erläutert Susanne Milek: "Hoher Blutzucker tut nicht weh, aber die Folgeerkrankungen tun es." Wunden heilen dann schlechter, die Patienten klagen über häufige Infekte und spüren in den Füßen kaum noch etwas.

Deswegen hat Karsten Milek am Diabetes-Tag, zu dem rund 700 Besucher kommen, nicht nur seine Praxis geöffnet, sondern auch Firmen, die bei Folgeerkrankungen wichtig werden, eingeladen - so die Hohenmölsener Orthopädieschuhtechnik Andreas Koch. In einem kleinen Raum stehen drei Mitarbeiter der Firma den Diabetikern mit Rat und Tat zur Seite. Klaus-Dieter Hanke ist extra für die Orthopäden von Weißenfels nach Hohenmölsen gefahren. Der 61-jährige Diabetiker muss sich über neue Einlagen mit den Fachleuten austauschen.

Auch Ingrid Kösling aus Weickelsdorf testet ihren Gang. Orthopäde Steffen Zeigermann legt eine Art Sohle in ihren Schuh, sie läuft ein paar Schritte. Auf einem Computer-Bildschirm entstehen zwei Sohlen-Bilder, auf denen blaue, gelbe und rote Flächen zu sehen sind. Wo der rote Punkt abgebildet ist, herrscht beim Laufen der größte Druck, erklärt Zeigermann. Doch Diabetikerin Ingrid Kösling bemerkt das nicht - und das ist gefährlich, weil sie die Stelle womöglich zu sehr belastet. Für Entlassung könnte eine Einlage sorgen.

Karsten Milek sagt: "Je eher Diabetes erkannt wird, desto besser kann sie behandelt werden." Ehefrau Susanne Milek bestätigt das und empfiehlt, sich ab einem Alter von 40 Jahren regelmäßig untersuchen zu lassen. Insbesondere wenn andere Familienmitglieder an Diabetes erkrankt sind und bei Übergewicht - denn beide Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, selbst zu erkranken.

Artikel von Julia Reinhard, Foto MZ, erschienen in der Mitteldeutschen Zeitung am 01.05.2011