Dienstag, 24. April 2012

Verliebt in die Anzeigetafel

Jubelnd hüpfend drehte sich Karsten Milek im Kreis. Sein Blick ging dann an die Anzeigetafel. 1:0 stand es für ihn. Posierend mit der Siegerfaust baute er sich vor ihr auf. Doch dann musste er schnell zurück an die Tischtennis-Platte. Sein Gegner wartete. Es sollte ja weitergehen in diesem zweiten Satz. Ballwechsel. Wieder Punkt für Milek. Er konnte es nicht fassen, erneut zog es ihn zu der Tafel, die den Punktestand anzeigte.
Was das Zwischenergebnis von 2:0 für den Hohenmölsener Karsten Milek so besonders machte, war sein Gegner. Auf der anderen Seite der Platte, stand kein Geringerer als Jörg Roßkopf. Genau der Roßkopf, der ob seiner Erfolge und seinem derzeitigen Amt als Herren-Bundestrainer zu den größten Persönlichkeiten des Tischtennis-Sports in Deutschland gehört. Dass Roßkopf gegen den in der Bezirksliga spielenden Milek kurzzeitig ins Hintertreffen geriet, begründete er mit der Spielweise seines Gegenüber. "Er spielte unangenehm defensiv", so der Nationalcoach. 
Beim Stand von 4:4 hatte Roßkopf den Satz wieder egalisiert und ließ seinem Kontrahenten wenig Chance (11:3, 11:6, 11:4). "Es war das erwartet enge Spiel", scherzte Milek, "es war absolut klasse. Meine Erwartungen wurden sogar noch übertroffen", fügte er an. 

Für die Purzelbäume, die Karsten Mileks Gefühle gestern Abend schlugen, hatte der TSV 1990 Merseburg gesorgt. Denn der Verein organisierte eine Tischtennis-Weltmeister-Gala in der Merseburger Rischmühlen-Halle. Nicht nur Jörg Roßkopf war gekommen, auch sein ehemaliger Doppel-Kollege Steffen Fetzner. 1989 waren sie zusammen Weltmeister. Und um den Tischtennis-Sport populärer zu machen, veranstalten die Ex-Profis Schaukämpfe, spielen dabei aber auch gern gegen Lokalmatadoren, solche wie Milek einer war. Der Hohenmölsener hatte die Partie gegen Roßkopf im Internet für 176 Euro ersteigert. Auch das Spiel gegen Fetzner ging dort raus. Gesichert hatte sich diesen sportlichen Höhepunkt die Familie Priedemann aus Petersberg, genauer gesagt, Vater Karsten Priedemann, der nachts um 1 Uhr das letzte Gebot abgab. Preis: ebenfalls 176 Euro. Doch nicht der Vater trat an die Platte, sondern sein 14-jähriger Sohn Eric. "Er hat am Samstag Jugendweihe. Das ist sein erstes Geschenk", sagte Karsten Priedemann, der selbst nicht mehr aktiv spielt. "Aber auch für mich geht hier ein Kindheitstraum in Erfüllung", gab er zu. Und der Vater verriet noch mehr. Nämlich, dass sich Eric intensiv auf das Match gegen Fetzner vorbereitet hatte. "Er hat am Wochenende unzählige Videos im Internet geschaut, um Fetzners Spielweise zu studieren", so der Vater. Punkte traute er dem Sohnemann gegen den fast 30 Jahre älteren Fetzner auf jeden Fall zu.

Und Eric versetzte die Halle gleich bei den ersten Ballwechseln ins Staunen. 1:0, 2:0, 3:0 - er lag vorn. Nationalcoach Roßkopf brachte das ebenfalls schelmisch in Feierlaune. Er klatschte für Eric Beifall. Lange Ballwechsel lieferte sich der bei der Jugend und den Kreisliga-Herren des SV Traktor Teicha spielende Eric Priedemann mit dem Ex-Profi Fetzner. Aber er verlor das Spiel (6:11, 7:11, 5:11). "Er ist ein Talent, aus dem etwas werden kann", sagte Fetzner nach dem Spiel. Papa Karsten Priedemann war auch mächtig stolz. "Davon wird er seinen Kindern noch erzählen", sagte er. 

Beitrag von Anke Losack, erschienen bei mz-web.de am 23.04.2012

+ Ein Traum wird wahr
   Beitrag von Anke Losack, erschienen bei mz-web.de am 18.04.2012