Mittwoch, 21. November 2012

Das Leben mit Diabetes

Gleich mal eine Tafel Schokolade essen oder ein halbes Glas Pflaumenmus - für Herbert Habich war das früher kein Problem. Doch früher, das ist lange her, mittlerweile ist viel passiert im Leben des 58-jährigen Mannes aus Zöllschen (Saalkreis). Denn heute muss er unbedingt seinen Zuckerwert im Blick haben. Und das nicht von ungefähr: Wer die Leidensgeschichte des Mannes hört, kann möglicherweise gut verstehen, wie wichtig es ist, auf den Zucker zu achten. Dem gelernten Maschinenbaumechaniker mussten nämlich beide Unterschenkel amputiert werden. Den linken erst im Sommer dieses Jahres.

Doch der Reihe nach. Nach der 10. Klasse, der Lehre und dem Armeedienst begann Herbert Habich im Werkschutz in Leuna, 22 Jahre ging er regelmäßig seiner Arbeit nach, war dann vier Jahre in der Justizvollzugsanstalt in Naumburg tätig bevor es ihn 2004 auf bundesweite Montage zog. Der Mann mit den acht Kindern und sechs Enkeln kennt sich aus mit Rohrleitungen verlegen, dem Fensterbau oder auch mit dem Schweißen. Keine Frage, wenn es die Gesundheit erlaubt hätte, Herbert Habich würde heute noch auf Montage arbeiten. Aber es sollte anders kommen.

Seine Geschichte beginnt an einem warmen Tag im Februar 1999. "Wir haben ein Dach abgedeckt, plötzlich schwenkte das Wetter um, es hagelte, wurde bitterkalt. Ich schwitzte, war durchnässt, hab' mir nichts gedacht und arbeitete weiter", erzählt er. Nach drei Tagen stellt sich ein, was wahrscheinlich bei allen passieren würde: Husten, Schnupfen. Der wurde immer schlimmer, bald spuckte er Blut beim Abhusten. Der Hausarzt diagnostizierte einen grippalen Infekt, verschrieb Medikamente. Die aber nicht halfen, er verlor das Bewusstsein, wurde ins Krankenhaus eingeliefert - doppelseitige Lungenentzündung, hieß es. Bei den Untersuchungen stellten die Ärzte fest, dass der Zuckerwert entschieden zu hoch war. Wieder Tabletten, die wieder nicht anschlugen, Herbert Habich musste sich spritzen. Dreimal am Tag. Auch damit hätte er gut leben können, doch das war leider noch nicht alles: Am rechten Zeh kam es zu einer Geschwulstbildung, im Volksmund Überbein genannt. Sein Leben geriet mehr und mehr aus den Fugen - irgendwann musste der rechte Unterschenkel amputiert werden, später der linke. Und zu allem Unglück wurden auch noch vier Bypässe gelegt. Hinzu kommt, dass er dreimal in der Woche nach Leipzig gefahren wird, wo er an der Dialyse angeschlossen wird. Früh gegen 10 Uhr geht es los, am späten Nachmittag ist er zurück. Seine Frau Ermelinde sieht es gelassen: "Man muss das Beste draus machen." Sie bedauert nur, dass ihr Mann nicht eher von dem Diabetologen Karsten Milek in Hohenmölsen behandelt wurde. "Die guten Ärzte kriegt man eben immer zum Schluss", ergänzt sie. Es sei ihrer Meinung nach von den anderen Medizinern zu viel herumexperimentiert worden. 

Doch Herbert Habich fällt nicht in ein seelisches Loch, seine Familie fängt ihn auf. Da ist Tochter Elke und auch die Söhne Ralf und Maik sind zur Stelle. Das Haus wurde mit einem großen Aufwand umgebaut, damit ihr Vater mit dem Rollstuhl überall hinkommt. "Von uns ist immer jemand dabei, wenn er mit dem Rollstuhl auf der Straße fährt", erzählt die Tochter. Doch es sei gefährlich, viele Fahrzeugbesitzer nehmen keine Rücksicht und düsen haarscharf am Rollstuhl vorbei. Und dennoch, der Mann, mit dem es das Leben nicht so gut meint, ist gut drauf: "So schlecht es mir auch ergangen ist, meinen Humor habe ich nicht verloren." Süßes essen? "Nee, nee, geht nicht. Wir haben die Ernährung umgestellt", ergänzt er und meint lächelnd: "Noch kann ich zappeln." 

Artikel von Klaus-Dieter Kunick erschienen bei mz-web.de am  11.11.2012